Neufraunhofen
St. Johannes der Täufer

G. F. Steinmeyer/ Oettingen 1892 - I/7+P

Romantische Steinmeyer Orgel

G. F. Steinmeyer/ Oettingen 1892 - I+P/7

Restaurierung 2021

Geschichtlicher Abriss

Das Schloss ist seit seinem Bau 1393 Besitz der Grafenfamilie von Fraunhofen. Die heutige barocke Schlosskirche wurde 1709 auf den gotischen Mauern von 1409 errichtet. Im Laufe der nächsten 50 Jahre wurde das Gotteshaus um den Chor, das Nebenschiff und den Kirchturm erweitert. Seit 1920 gehört die Kirche als Kuratiestiftung zum Pfarrverband Velden.
Die Orgel wurde 1892 von der bekannten Oettinger Orgelbaufamilie Steinmeyer erbaut und thront hoch oben auf der zweiten Empore. Ob es davor bereits ein Instrument gab, ist unbekannt. Jedoch wurden seit ihrer Erbauung Reinigungs-, Renovierungs- und Stimmungsmaßnahmen von verschiedenen Orgelbaufirmen durchgeführt. Leider sind im Laufe der Zeit Archivunterlagen, Reparaturberichte etc. verloren gegangen.

Konzept

Bei der Durchführung der Arbeiten stand für uns das Ziel im Vordergrund, behutsam mit dem historischen Instrument umzugehen und die originale Substanz in seiner Form zu erhalten und für nachfolgende Generationen zu erhalten. Dabei soll das Orgelwerk wieder in einen voll funktionsfähigen Zustand gebracht und alle kaputten Teile nach historischem Vorbild rekonstruiert werden. Die Restaurierung wurde von uns sorgfältig und mit historischem Verständnis durchgeführt, dabei wurden traditionelle Verarbeitungsweisen angewandt und es kamen Materialien zum Einsatz, die auch zur Erbauerzeit genutzt wurden.

Reinigung und Holzwurmbekämpfung

Das gesamte Instrument von Steinmeyer war ziemlich verschmutzt, verdreckt und vom Holzwurm befallen. Die Orgel wurde gesaugt, gewischt und zweimal mit Holzwumbekämpfungsmittel eingelassen. Anschließend wurden die Wurmlöcher an den winddichten Orgelteilen und Holzpfeifen mit einer Bienenwachs-Leinöl-Paste verschlossen.

Pfeifenwerk

Die originalen Steinmeyer Pfeifen waren in einem recht guten Zustand. An den Holzpfeifen wütete der Holzwurm. Dort mussten die Löcher mit der Paste verschlossen werden. Die Spunde der gedeckten Register wurden neu eingepasst und talkumiert. An den Metallpfeifen wurden Stimmrollen, Lötnähte, Bärte und Fußlöcher gerichtet. Die gedeckten Metallpfeifen wurden mit Spaltleder abgedichtet. Der originale Steinmeyer-Prospekt wurde zur Requirierung im ersten Weltkrieg ausgebaut und durch Zinkpfeifen ersetzt. Die Mensuren des Prospekt wurden rekonstruiert und neue Pfeifen aus Zinn unter Verwendung der originale Raster eingebaut.
Die bestehende Intonationsweise und die Kernstiche blieben größtenteils unberührt. Die einzelnen Register wurden in Ansprache, Klangcharakter und Lautstärke ausgeglichen. Gerade bei den Holzpfeifen und im Übergang von Holz- auf Metallbauweise musste die Ansprache und Intonation verbessert werden. Das Orgelwerk wurde auf Basis der vorgefundenen Stimmtonhöhe neu eingestimmt.

Windlade

Die Steinmeyer Kegelladen zeigen sich durch ihre Qualität und hochwertigen Verarbeitung als ein robustes und funktionelles Windladensystem. Die Wurmlöcher der Stöcke und der Kanzellen wurde mit der Bienenwachs-Leinöl Paste verschlossen und abgedichtet. Abgelöstes Moltongewebe wurde mit Glutinleim wieder angeklebt und aufgebürstet. Die Stuhlraster wurden schreinerisch ausgebessert und wieder verleimt. Abgebrochen Zapfen der Rasterfüße wurden ergänzt. Zur Überprüfung auf Durchstecher und Heuler wurde die Windlade abgedrückt und abgehört. Die Bleikondukten zum Prospektstock wurden wieder ausgeformt und mit neuer Lederdichtung versehen. Die Stockschrauben wurden mittels Elektrolyse von Rost befreit und mit heißem Öl konserviert.

Tontraktur

Defekte Wellenarme und Abstrakten wurden repariert, die fehlenden Metallwinkel samt der Weißbuchendöckchen originalgetreu rekonstruiert. Dabei konnten einige originale Metallwinkel wieder verwendet werden. Die Wellenstifte wurden kontrolliert und ggf. wieder eingeschoben und geradegerichtet. Die Kerntuchscheiben an den Holzmuttern wurden erneuert. Anschließend wurde die Traktur wieder präzise einreguliert.

Registermechanik

Das Leder der Registerventile wurde aufgebürstet, die Gewindestangen mechanisch entrostet und gewachst. Die verbrauchten Lederpulpeten wurden aus geeignetem Leder neu hergestellt. Die Durchgangsbohrung wurde dabei aufgebrannt, um eine Korrosion der Drähte zu verhindern. Der Umlenkungswinkel des Subbass 16‘ unter dem Podium wurde erneuert, neu einreguliert und gängig gemacht. Die Reguliermuttern der Registermechanik wurden mit Kerntuchscheiben versehen. Alle Winkel wurden auf Quietschgeräusche untersucht und geölt. Der Hub der Registerventile wurde neu einreguliert.

Spieltisch

Alle Anschlagfilze im Steinmeyer-Spieltisch wurden erneuert. In der Mittellage wurden neun vordere Untertastenbeläge aus Gebein mit Heißluftföhn entfernt und erneuert. Die verbrauchte Anschlagsdämpfung am hinteren Tastenangriff wurde durch Kerntuch ersetzt. Der Spieltischbereich wurde mit Schellack wieder aufpoliert. Die Tastenführungsstifte wurden mechanisch entrostet und gedreht, um das transversale Tastenspiel zu reduzieren. In der Mittellage wurden ca. 15 Tastengarnierungen nach vorhandener Machart erneuert. Der Plenotritt wurde überarbeitet, repariert und einreguliert. An der Pedalklaviatur wurde der Rost an den Blatt- und historischen Schenkelfedern entfernt und die Schrauben erneuert.

Windversorgung

Die Papierung wurde an wenigen Stellen ausgebessert. Undichtigkeiten im Leder wurden mit passenden Lederstreifen und Hautleim abgedichtet. Das alte Leder wurde mit einem Lederpflegemittel einmassiert und wieder geschmeidig gemacht. Die Achslager des Schöpftritts wurden gefettet und Anschlagfilze des Schöpftritts wurden erneuert. Das originale Balggehäuse der Steinmeyer Orgelwurde wieder montiert, aber so gestaltet, dass der Zugang zum Balg mit wenig Abbauaufwand möglich ist und der Schöpfbetrieb weiterhin möglich ist. Ein neuer Kanalstutzen vom Motor zum bestehenden Kanal wurde hergestellt.

Über die Orgelbaufamilie Steinmeyer - Ein grober Überblick

Die in Oettingen im Nördlinger Ries beheimatete Orgelbaufamilie Steinmeyer wurde von Georg Friedrich Steinmeyer 1847 gegründet. Durch die stets hohe Verarbeitungsqualität, einer hohen Zuverlässigkeit der Instrumente und durch ein ideales Preis-Leistungsverhältnis erschloss die Firma auch den internationalen Markt. Höhepunkt der Firmengeschichte war sicherlich die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, in welche auch der Bau des größten Werks im Passauer Dom 1928 fällt. Über 130 Mitarbeiter waren zu dieser Zeit in Oettingen im Einsatz. Neben großen Orgelwerken entwickelte die Orgelbaufamilie auch technische Neuerungen im Orgelbau. Durch seine Wanderjahre unter anderem bei der bekannten Firma Walcker in Ludwigsburg lernte er dort die Kegellade kennen und verbreitete dieses System in Bayern. Mit sog. Barkerhebeln konnten auch größere Instrumente mit mechanischer Kegellade gebaut werden, ohne dass dabei der Tastendruck durch die viele Kegel zu groß wird. Auch das romantische Schwellwerk feierte bereits 1858 in Rothenburg als „Echokasten“ seine Premiere. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts die Röhrenpneumatik in Deutschland Einzug hielt, entwickelte Steinmeyer mit seinem Mitarbeiter Friedrich Witzig das zuverlässige und auch für große Werke umsetzbare System der Taschenlade und perfektionierte dieses. Dem romantischen Klangbild entsprechend entstanden so vielfältige sinfonische Pfeifenorgeln und später die ersten „Universalorgeln“ (z.B. Trondheim). Die Elektropneumatik löste nach der Jahrhundertwende die Röhrenpneumatik ab und Sohn Ludwig Steinmeyer beantragte sogar ein österreichisches Patent für eigene Elektrokontakte an der Taste, wodurch Fernwerke ermöglicht wurden. 1905 wurde die Firma zur „Königlich bayrischen Hoforgel- und Harmoniumfabrik“ ernannt. Mit dem Aufkommen der Orgelbewegung und des neobarocken Klanggedankens nach dem zweiten Weltkrieg löste die bewährte Schleiflade die Taschenlade wieder ab. Bis zur Jahrtausendwende wurden in Oettingen Pfeifenorgel gefertigt. Heute befindet sich auf dem ehemaligen Betriebsgelände ein Orgelmuseum. Die über Generationen hinweg stets beibehaltene hohe Qualität der Instrumente von Steinmeyer und ein durchdachtes Klangverständnis zeigen sich bis heute anhand zahlreicher erhaltener Instrumente, welche in ihrer Funktionalität und musikalischen Ausarbeitung noch heute hervorstechen.

Kompletter Restaurierungsbericht (PDF 5MB)

Disposition

I. Manual C-f³
Principal 8'
Gamba 8'
Salicional 8'
Gedeckt 8'
Octav 4'
Terzmixtur 3f 2 2/3'
Pedal C-d'
Subbass 16'
Koppeln
I - Pedal
Spielhilfen
mechanischer Plenumtritt

Die Abnahme des restaurierten Instruments erfolgte am 28.07.21 durch den zuständigen Orgelsachverständigen Wolfgang Kiechle in Anwesenheit des Kirchenpflegers und des Kirchenmusikers von Neufraunhofen.
In seinem Bericht schrieb Hr. Kiechle:

Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Orgelbau Schreier hierbei hervorragende fachliche und künstlerische Arbeit geleistet hat. Sowohl die Überprüfung der gesamten technischen Anlage mit Spieltraktur, Windversorgung, Windladen, Pfeifenwerk mit Rasterung und Orgelgehäuse brachten ein sehr erfreuliches Ergebnis, so dass ich das Instrument uneingeschränkt als abgenommen erklären kann.

galerie.

Ausgespielte Tasten

Die Untertasten sind nach rund 130 Jahren in der Mittellage bereits ausgespielt

Klaviatur Restaurierung Steinmeyer

Die Untertastenbeläge wurden mit einem Heißluftföhn entfernt und durch neue Gebeinblättchen ausgetauscht.

Restaurierter Spielbereich

Zu erkennen sind die neuen Untertastenbeläge an der helleren Farbe, welche im Laufe der Zeit durch Beanspruchung und UV-Strahlung nachdunkeln. Der Spieltischbereich wurde mit Schellack aufpoliert und wieder zum Glänzen gebracht.

Restaurierte Registerzüge

Die restaurierten Registerzüge wurden mit schwarzem Schellack überzogen

Mechanik Steinmeyer Orgel

So sah es vor der Reinigung der Orgel aus. Deutlich zu sehen die Verschmutzung und das Wurmmehl des Nagekäfers. Die elektrischen Kabel wurden sauber in Kabelkanäle verlegt.

Rekonstruierte Mechanikwinkel

Die fehlenden, defekten und zerfressenen Döckchen und Winkel wurden aus Weißbuche und verzinktem Eisen nach originalem Vorbild rekonstruiert.

Orgel ohne Prospekt

So leer und traurig sieht das Instrument ohne Prospektpfeifen aus.

Orgel Prospekt

So schön und glanzvoll erstrahlt sie mit ihren neuen Frontpfeifen. Die Mensur der Pfeifen wurde anhand des originalen Rasters und anhand der Innenpfeifen bemessen.

Elektrolyse

Die originalen Stockschrauben wurden mittels Elektrolyse entrostet und in heißem Öl brüniert und somit konserviert.

Stock Restaurierung

Fehlstellen und Undichtigkeiten mussten an den Stöcken repariert und ausgebessert werden.

Wurmlöcher im Stock

Der Holzwurm richtete über die Jahrzehnte einen immensen Schaden an der historischen Substanz an.

Wurmlöcher Restaurierung

Die Löcher wurden mit einer Bienenwachs-Leinöl-Paste verschlossen. Die Paste ist reversiebel und kann mit Hitze wieder entfernt werden.

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